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Asyl

Asyl, das ist Zuflucht, das ist Schutz und ein bisschen Geborgenheit für die, die fliehen müssen. Heute ist Asyl wieder ein Megathema – und Europa blamiert sich bis auf die Knochen. Für mich war Asyl das erste richtige fotografische Projekt.

Ich hatte vom Fotografieren damals, in den 90ern, noch gar keine Ahnung und mir gerade erst meine erste Kamera gekauft, eine einfache analoge Canon-Spiegelreflex-Kamera. Nachdem ich einige Farbfilme verschossen und billige Drogerieabzüge hatte machen lassen, hatte ich das Gefühl, dass da noch mehr gehen müsste. Ich studierte gerade in Münster und fand dort zu meinem Glück eine kleine Fotogruppe.

Als ich zum ersten Treffen in einer schummrigen Studentenkneipe kam, lag auf dem Tisch zwischen den Biergläsern ein großer Berg Schwarzweiß-Filme. Einer der Teilnehmer hatte es geschafft sie umsonst zu besorgen für das große Projekt, das die Gruppe gerade angehen wollte: Nämlich die Situation der Asylbewerber in Münster zu fotografieren. Obwohl mich noch keiner kannte, bekam ich wie jeder andere zehn (zehn!) Filme aus dem Berg auf dem Tisch. Fünf davon waren Kodak Tri-X mit 400 Asa Empfindlichkeit und fünf waren Kodak T-Max mit für mich damals sagenhaften 3200 Asa Empfindlichkeit.

Ich wusste noch nicht so recht etwas damit anzufangen (hatte bis dahin auch gar nicht gewusst, dass es so empfindliche Filme gab), aber es war ein Segen. Denn ich konnte damit drinnen fotografieren, obwohl ich aus meinem Canon-Kit nur ein ziemlich schlechtes Teleobjektiv (28 bis 70 mm) hatte, das wenig Licht durchließ (maximale Blendenöffnung 5,6). Und genau das musste ich jetzt tun, wenn ich die Filme nicht zurückgeben wollte: Drinnen fotografieren, da, wo die Asylbewerber wohnten.

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Ich suchte mir ein Heim raus, das an einer der großen Zufahrtsstraßen nach Münster lag, eine ausgediente, fast abgewrackte Kaserne, in der jetzt Asylbewerber untergebracht waren. Ich weiß noch, wie ich einfach zur offenen Tür rein ging, die Treppe hoch und einen langen Gang runter, an dessen Ende eine Küche lag. Dort stand ein kleiner Mann mit dunkler Haut und einem bunten T-Shirt an einem Herd, der in erbarmungswürdigem Zustand war, und kochte. Er sprach mich sofort in klarem Englisch an. Ich sagte, ich wolle ihn fortografieren. Er sagte ja klar und ob ich Hunger hätte. So begann meine persönliche „Asyli“-Story. Ich bin über mehrere Wochen immer wieder gekommen. Ich wusste zwar erst gar nicht, was ich fotografieren soll, aber ich war von Anfang an total nah dran.

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Mein Asylbewerber – seinen Namen habe ich leider vergessen – kam aus Sri Lanka und war, erstaunlicherweise, Singhalese. Er war vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat geflohen, wo eigentlich die singhalesischen Machthaber die tamilischen Rebellen bekämpften (und leider immer noch bekämpfen). Die Tamilen hatten seine halbe Familie umgebracht, seine Frau und seine Kinder lebten zum Glück aber noch. Sie hatten ausgemacht, das er alleine flieht, weil er es am besten schaffen kann. Unter den Flüchtlingen aus Sri Lanka gehörten in Deutschland die Singhalesen zur Minderheit, Tamilen gab es weit mehr. So war es auch in diesem Wohnheim. Es war quasi voll von Tamilen. Und mittendrin gab es ein winziges Zimmerchen, in dem zwei Singhalesen lebten.

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Während ich meine Filme verknipste, lernten wir uns besser kennen. Mein Asyli erzählte mir von Zuhause, von seiner Hoffnung, dass er vom „Geduldeten“ zum anerkannten Asylbewerber würde, und dass er seine Familie wiedersehen könne. Wie berechtigt sein Antrag auf Asyl juristisch gesehen war, konnte ich nicht sagen. Es war mir auch egal. Es war doch offensichtlich: Der Mann litt, was er durchmachte, hätte ich nicht ertragen wollen, und dennoch hatte mein Land nichts Anderes für ihn übrig als diese schäbige Behausung, in der er abgestellt war, um zu warten. Warten darauf, dass er arbeiten durfte, dass er einen klaren rechtlichen Status bekam, dass vielleicht, vielleicht, alles gut ausgehen würde.

Ich konnte kaum etwas für ihn tun. Einmal konnte ich verhindern, dass die Nahverkehrsbetriebe in Münster ihm ein Strafgeld aufbrummten, weil er vermeintlich schwarz gefahren war – was nicht stimmte. Sonst wollte er nichts annehmen. Im Gegenteil, wenn ich kam, wurde ich immer bekocht. Das war mir fast unangenehm, denn es war teuer und Geld war für die Asylbewerber ein Dauerproblem. Aber ich konnte es nicht verhindern (und aß, im Rahmen der Verhältnisse, königlich). Mir blieb nur, Fotos zu machen.

Wenn man von etwas ein Foto macht, bleibt es einem auf wundersame Weise oft dauerhaft im Kopf. Die Flüchtlings“krise“, die wir heute haben, erinnert mich oft an meine Zeit im Asylbewerberheim. Vieles, was heute ein Problem ist, war es damals auch schon. Und jeder wusste, dass es so eigentlich nicht weitergehen kann. Dass wir heute so unvorbereitet sind, ist alles andere als ein Wunder. Wir sind da nicht einfach so reingeschlittert. Es geschah sehenden Auges.

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1 Antwort

  1. sehr gut verfasster Artikel und wirklich beeindruckende Fotos die hier entstanden sind. Das „schwarz weiß“ untermalt noch mal die Dramaturgie und traurige Realität. LG und alles Gute für 2016! Herta

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